Orgelfantasien aus 4 Jahrhunderten – Benefiz-Matinée

Sonntag, 17. Juli 2011, 11:15 – 12:15 Uhr
Stadtkirche Schorndorf

„Fantasie“ (griech.: phantasia = Vorstellung, Erscheinung) als Titel für Instrumentalmusik gibt es seit dem frühen 16. Jahrhundert bis heute. Von Anfang an setzt die Fantasie eine musikalische Norm voraus, von der sie sich distanziert. Wer eine Fantasie komponiert, entledigt sich sämtlicher Fesseln und gewinnt ein Maximum an Gestaltungsfreiheit.

Stadtkirchenorganistin Hannelore Hinderer hat ein Programm zusammengestellt, das ganz unterschiedliche Orgel-Fantasien von vier herausragenden Komponisten aus vier Jahrhunderten enthält.
Den Anfang des Programms bildet J. S. Bachs Fantasie in g (BWV 542). Dieses Stück ist eine seiner interessantesten und kühnsten Kompositionen. Es enthält viele überraschende Wendungen und die modernste Stelle in seinem gesamten Werk: eine spiralenförmige Modulation durch viele Tonarten.
Ebenfalls in g-Moll steht die Choralfantasie über „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“. Dieses Werk erklingt erstmals in Schorndorf. Es war fast 300 Jahre verschollen und wurde sensationellerweise erst 2008 entdeckt, als die Universitätsbibliothek Sachsen-Anhalt den Nachlass des früherenThomaskantors Wilhelm Rust (1822-1892) erwarb. Zwei Musikwissenschaftler erkannten darin die vollständige Abschrift der Choralfantasie, die keine Zweifel an der Autorenschaft J. S. Bachs zulässt.
W. A. Mozart (1756-1791) zeigte auf seinen Reisen stets großes Interesse an Orgeln, er probierte sie gerne aus und bezeichnete sie in einem Brief an seinen Vater als „könig aller jnstrumenten“. Umso mehr erstaunt es, dass er nur wenig für die Orgel komponierte. Das gewichtigste Orgelstück ist die Fantasie in f, KV 608, die er als Auftragswerk für eine selbstspielende Flötenuhr in seinem letzten Lebensjahr komponierte.
Auch Franz Schubert (1797-1828) schrieb leider keine Musik für Orgel, obwohl bezeugt ist, dass er sich in seinen letzten Lebensmonaten mit dem Instrument beschäftigte. Diese Tatsache brachte Helmut Bornefeld (1906-1990) auf den Gedanken, Schuberts Fantasie für Klavier zu 4 Händen für 2 Hände und 2 Füße auf der Orgel einzurichten. Das Ergebnis ist ein gewaltiges frühromantisches Orgelwerk, dem man nicht anmerkt, dass es ursprünglich für ein anderes Instrument gedacht war.
Trotz seines kurzen Lebens zählt Jehan Alain (1911-1940) mit seinem breiten Oeuvre zu den wichtigsten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts. Er verstarb im Alter von 39 Jahren an der Kriegsfront. Seine etwa zehnjährige Kompositionstätigkeit deckt sich zeitlich mit seinen Studienjahren am Pariser Konservatorium, für dessen straff reglementierten Betrieb er wenig empfänglich war. Den künstlerischen Ausdruck, den er einmal als „die einzige Form des Glücks“ bezeichnet hat, suchte er nicht allein in der Musik, sondern auch im Zeichnen und in der Poesie. Den Werken seiner frühen Schaffensperiode ist oftmals eine poetische Idee vorangestellt. Neben Einflüssen literarischer Art zeigen sich solche der Gregorianik, der Alten Musik, des Impressionismus, des Jazz sowie außereuropäischer Rhythmen und Tonsysteme. Seine beiden Fantasien für Orgel enstanden 1933 und 1936 und wurden erst nach seinem Tod herausgegeben.

Der Eintritt ist frei. Am Ausgang wird um eine großzügige Spende für die bevorstehende Orgelsanierung gebeten.

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